Kurzer Einwurf, bevor’s losgeht: Dieser Text stammt von Anna, die ihre Brötchen seit über 10 Jahren als Art Director bei CAMAO verdient. Im Zuge ihres Mentorings kristallisierte sich heraus, dass Anna neben ihren grafischen Skills unbedingt mehr Erfahrungen im Bereich Text sammeln möchte. Gesagt, getan: Mit der Unterstützung ihrer fachlichen Mentoren entstand daraufhin dieser Artikel – von der Ideenfindung und der Struktur bis zur Ausformulierung und den finalen Korrekturschleifen.

Wir als CAMAO freuen uns sehr, dass Anna diese Möglichkeit nutzt, um ihren Horizont zu erweitern und ihrer Neugier zu folgen.

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Ein Blick auf den Wecker, es ist 03:13 Uhr. Ich sitze schweißgebadet im Bett und versuche, mich an meinen Traum zu erinnern. Da war dieser Mann, er saß neben mir und hat mir die ganze Zeit ins Ohr geflüstert: „Jeder Tag ist gleich, jeder Tag ist gleich. So wie bei mir, du wirst sehen …“ Bingo, das kann doch nur Bill Murray gewesen sein. Der Typ, der im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ als Phil Connors in einer Zeitschleife festsitzt und immer wieder denselben Tag erlebt. Guter Streifen eigentlich, aber was hat das jetzt mit mir zu tun?

Der Kopf rattert, ich kann nicht mehr einschlafen. Und plötzlich ist sie da, die Erkenntnis: Anna, eigentlich ist auch in deinem Leben jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen. Aufstehen, frühstücken, To-Do-Liste abarbeiten, Kinder abholen – und auch in der Arbeit ist jeder Tag ziemlich ähnlich. Eigentlich wurde ich doch Art Director, um kreative, aufregende Designs zu entwerfen. Stattdessen hänge ich in Teams-Calls fest, beantworte E-Mails, und schwupps, schon ist es wieder Abend, und mir nicht ganz klar, wo dieser Tag eigentlich hin ist.

Es nagt an mir, denn Phil Connors hat leider recht. Wie komme ich also aus diesem Hamsterrad wieder raus – und das am besten schnell?!

Am Leben vorbei

Ob mein Leben mehr zu bieten hätte, wenn ich nicht immer „auf Autopilot“ laufen würde? Das ist eben so, denke ich trotzig. Weil ich diese Routine für mein Wohlbefinden brauche. Weil mir gewohnte Dinge eben leichter von der Hand gehen und meinem Alltag Sicherheit geben. Ist doch besser, ich behalte die Kontrolle und weiß vorher schon, wie eine Situation enden wird. Obendrein habe ich gar keine Zeit, Neues auszuprobieren. Und außerdem habe ich auch schon so viel erlebt. „Siehst du, Anna, passt schon“, denke ich zufrieden und mache es mir auf dem grauen Polster in meiner Komfortzone wieder gemütlich.

Leider nur kurz, denn plötzlich fegt mir die Wahrheit mit einem nassen Waschlappen durchs Gesicht: Das sind alles nur Ausreden! Ich bin einfach zu feige, um neugierig zu sein. Puh, diese Erkenntnis tut weh. Kann doch nicht sein, dass ich mit diesem Problem allein bin. Also schnappe ich mir mein Smartphone und frage Dr. Google.

Ich stoße auf eine Aussage des Linguisten Carl Naughton. Er schreibt, dass Kinder täglich bis zu 65 Wie-/Weshalb-/Warum-Fragen stellen, Erwachsene dagegen nur noch rund vier. „Wir verlernen irgendwann, neugierig zu sein“, so Naughton. Seine Angaben beziehen sich zwar auf eine Studie des US-Kreativitätsforschers George Land aus dem Jahr 1968, passen aber perfekt in unsere aktuelle Zeit.

In dieser Studie wurden Kinder und Erwachsene vor ein Problem gestellt und sollten neue, innovative Ideen zur Lösung entwickeln. Das Ergebnis hat überrascht – der Anteil der Personen, die auf „kreativem Niveau“ gepunktet haben, war wie folgt:

Der Beweis, dass Menschen mit der Zeit weniger kreativ werden. Quelle: George Land, research study to test the creativity of 1,600 children ranging in ages from three-to-five years old, 1968

Neugierige kleine Weltentdecker

Kinder bis 5 also. Ich denke an meine eigenen beiden Kleinen und wie sie die Welt entdecken. Neugierig bis in die Fingerspitzen beobachten sie, hinterfragen, beschnuppern und greifen alles an, was ihnen gerade in den Weg kommt. Ich könnte mir vermutlich einiges abschauen von diesen kleinen Entdeckern, die mutig und unbefangen durch die Welt gehen und jedes Schild, jede Höhle und jeden noch so kleinen Käfer wahrnehmen. Dabei machen sie genau das, was ich mir im Yoga mühsam antrainieren muss: Sie erleben den Moment, das Hier und Jetzt – und zwar mit der allergrößten Selbstverständlichkeit.

Apropos: An Schlaf ist im Hier und Jetzt nicht mehr zu denken. Also gehe ich in die vereinsamte Küche und setze mich mit einem Kaffee an den Tisch. Wie war ich denn so als Kind? Ich denke zurück und bin plötzlich wieder fünf Jahre alt, öffne mutig eine Schranktür, während ich im Hintergrund meine Oma sagen höre: „Du kleine Neugierdsnase! Irgendwann beißt sie dir noch jemand ab, wenn du sie immer überall reinsteckst.“ Autsch.

Sterben vor Neugier?

Ich recherchiere weiter und erkenne, dass Neugier in unserer Gesellschaft oft immer noch als naive, kindliche Eigenschaft gesehen wird. Ob neugierige Kinder auch neugierige Erwachsene bleiben, hängt nicht nur von den Genen ab: Eine große Rolle spielt die Sozialisierung, die Rückmeldungen, die wir für unsere Gier nach Neuem im Laufe der Entwicklung von unserer Familie, von Freunden, Lehrkräften und anderen Bezugspersonen bekommen. Zu hören, dass man vor Neugier sterben kann oder seine Nase nicht in fremde Schranktüren stecken soll, ist der Entdeckungsbereitschaft wahrscheinlich nicht unbedingt zuträglich.

Ich möchte das natürlich (gerade jetzt!) nicht wahrhaben, aber mir wird klar, dass ich meinen eigenen Kindern die Neugier unbewusst abtrainiere. In erster Linie ist es mir nämlich wichtig, dass meine Sprösslinge höflich sind und nicht durch schlechtes Benehmen auffallen. Dass sie schlau sind (oder zumindest fleißig), pünktlich und gut erzogen, klar. Hilfe, wo bleibt denn da noch Platz für die kreative Neugier? Wann sollen sie denn neben all dem noch ausprobieren und erfahren und sich auch einfach mal daneben benehmen dürfen? Ziemlich traurig, wird mir bewusst. Doch auch hier bin ich in „guter“ Gesellschaft: Eine Studie aus dem Jahr 2019 hat Eltern mit Kindern bis 12 Jahre befragt, welche Erziehungsziele ihnen am wichtigsten sind. Spoiler: Kreativität ist im Ranking erschreckend weit hinten.

Quelle: Stiftung Lesen, © Statista 2019 Weitere Informationen: Deutschland; IfD Allensbach; 686 Befragte; Eltern mit Kindern bis 12 Jahre

Erschreckend deshalb, weil ich außerdem nachlesen kann, dass Kreativität nur durch den Hunger nach Neuem entstehen kann. Und dass jede neue Entdeckung, jede neue Erkenntnis, jede neue Fähigkeit im Gehirn einen Sturm der Begeisterung auslöst. Und dass es genau diese Dopamin-Ausschüttung ist, die mir schon so lange fehlt.

Ich nippe am Kaffee und wiederhole mein neues Mantra: Nur wenn ich offen bin und Dinge ausprobiere, schüttet das Belohnungssystem in meinem Gehirn Glückshormone aus. Das heißt also, wenn ich dauerhaft ein glückliches Leben führen will, dann muss ich neugierig sein und bleiben. Mich aufraffen, über meinen Schatten springen und Dinge tun, die ich sonst nicht machen würde. Zum Beispiel könnte ich mich einfach vier Stunden ins Auto setzen, um am Gardasee einen Cappuccino zu trinken. Das wäre allerdings eine ordentliche Benzinverschwendung. Während ich Google Maps also wieder schließe, springen meine Gedanken zurück zu meinem Berufsleben als Designerin – und dass ich neben dieser Arbeit total gerne mehr Zeit im Bereich „Text“ verbringen möchte. Ja, eigentlich will ich doch schon so lange mal einen eigenen Artikel schreiben. Weil ich es spannend finde, der Außenwelt nicht sofort ein Bild von etwas zu „zeichnen“, sondern die Gedanken in meinem Kopf so in Worte zu fassen, dass die Außenwelt ganz ohne Bild auf dem Papier „sehen“ kann, was ich fühle und denke.

„Aber, Anna, davon hast du doch überhaupt keine Ahnung, mach das lieber nicht“, meldet sich Phil Connors aus dem Off. Meine Gedanken fangen an zu kreisen, die Unruhe wächst proportional zur festen Überzeugung, jetzt einfach drauflos zu schreiben. Und die Angst, dass andere lachen, falls sie diesen Text irgendwann lesen würden. Doch allein den Versuch bin ich mir schuldig – und vor allem der 5-jährigen Anna in mir, die bereits mit Stift und Papier am Tisch sitzt und mich freudig angrinst. Shut up, Phil, jetzt wird Geschichte geschrieben!

Endlich wieder fünf sein!

Ich lasse mich also darauf ein. Lasse die letzten 2 Stunden dieser verrückten Nacht Revue passieren. Und schon landen die ersten Sätze auf dem Papier. Tief im Innern steckt noch eine kleine Portion Angst, aber die Neugierde über das, was mein Kopf da gerade entstehen lassen will, ist stärker. Ich spüre ein Kribbeln im Bauch, weil ich merke, dass ich meine Gedanken einfach loslassen kann und ich schreibe, schreibe, schreibe. Ich fühle mich so leicht, mir wird dabei sogar ein bisschen schwindelig, wie wenn ich zu lange jogge und es dabei übertreibe, um meine Grenzen auszuloten. Es macht mir richtig Spaß, eine Anna zu entdecken, die ich am Vorabend noch nicht kannte – sozusagen eine neue Version von mir. Ich bin voll im Flow. Ist das jetzt dieses Dopamin?! Das Beste daran ist, dass ich gerade an gar nichts anderes denken könnte, was mich beunruhigen oder ablenken würde. Wie meine Tochter, wenn sie einen blau-schillernden Glitzerkäfer in der Hand beobachtet, und dabei alles um sie herum vergisst.

6:52 Uhr, über Innsbruck geht langsam die Sonne auf. Ist das jetzt gerade wirklich passiert? Da sitze ich nun also, mit meinem ersten selbstgeschriebenen Text. Wahrscheinlich muss ich ihn jetzt noch zehnmal korrigieren und mir von schlauen Leuten etwas dazu sagen lassen. Wahrscheinlich muss ich mir dann eingestehen, dass es schon okay ist, nicht alles sofort zu können, nur weil ich es will. Und wahrscheinlich werde ich am Ende vor Scham im Boden versinken, falls der Text tatsächlich veröffentlicht werden sollte.

Aber das ist gut so. Denn dann kann ich es danach doppelt genießen, wenn ich mir damit, auf der Dopamin-Welle reitend, das kleine bisschen Mut der Vergangenheit zurückerobere. Und dann wird mir sogar der ewige Zyniker Phil Connors auf die Schulter klopfen. Ach nein, der erlebt diesen Moment gar nicht mit mir, denn für den Murmeltier-Mann hat es ja „auch heute wieder kein Morgen“ gegeben. Pech für ihn!

Danksagung (und ich bin mir natürlich bewusst, dass das für dieses winzige Stückchen Text etwas übertrieben ist – aber hey, das bin ich der Entstehung des Textes einfach schuldig!): Zunächst richtet sich mein Dank an CAMAO und dieses großartige Mentoren-Programm. Danke auch an meine beiden Mentoren fürs Motivieren, Triezen und Neugierig machen. Und nicht zuletzt geht mein Dank an Phil Connors, ohne den es diese Geschichte gar nicht gegeben hätte.