Generatives Design durch kreative KI-Algorithmen

Aquarellzeichnen ist wie Generatives Design

Ein Beitrag von Mark Keil.

Das heutige Bild des Kommunikationsdesigners wird sich zunehmend dem des Programmierers annähern. Es bieten sich dadurch neue Möglichkeiten, eigene, dynamische Werkzeuge zu erzeugen und den Designprozess durch KI-Algorithmen zu unterstützen. Damit wird es uns in kürzester Zeit möglich sein, eine unglaubliche Vielfalt an Design-Variationen für die verschiedensten Anlässe zu entwickeln.

In den Bereichen des Automobil- und Industriedesigns sind KI-Algorithmen und Cloud-Lösungen mittlerweile im alltäglichen Schaffensprozess etabliert. Aber im Grafik- und Kommunikationsdesign gibt es nur eine Handvoll funktionierender Ansätze.

Hauptgründe dafür sind der Mangel intuitiver Tools und unästhetische Ergebnisse. Die Lösung: Wir müssen den Designern die Welt des Programmierens näherbringen. Weg von den Standard-Programmen! Autonomes Design durch kreatives Coding.

Generatives Design: Eine Annäherung

Zuerst möchte ich erklären, was mit generativem Design überhaupt gemeint ist. Es geht um durch Algorithmen kontrolliertes Chaos in der Gestaltung. Als Designer gebe ich die Impulse und definiere die Rahmenbedingungen. Der Algorithmus tobt sich dann innerhalb des definierten Rahmens in alle erlaubten Richtungen aus und erstellt eine Wunschmenge an Variationen.

 „thedotisblack“ bietet eine Reihe an Beispielen, wie aus programmierten Zufallsparametern und definiertem Rahmen eine Fülle an Gestaltungsentwürfen entstehen kann. Der Algorithmus dient nur als Tool, um in kürzester Zeit eine Vielzahl passender Varianten zu generieren. Durch Feinjustierung der Parameter nähert man sich dem gewünschten Ergebnis an. In der Praxis sieht das Ganze dann so aus:

Einen ähnlichen Ansatz hat Jody Hudson-Powell von Pentagram für ihren Kunden Graphcore implementiert. Sie schätzt daran, dass das Ergebnis auf eine kontrollierte Art und Weise unberechenbar ist. Dass nicht jeder Output des Algorithmus verwendet werden kann, nimmt sie wohlwissend in Kauf. Denn am Ende wird das Design immer noch von einem Menschen ausgewählt. Der Algorithmus sorgt nur dafür, dass dieser Mensch auf Knopfdruck schier unerschöpfliche Auswahl hat.

Handgemachtes Chaos

Um generatives Design noch besser zu verstehen, können wir uns auch an Vergleichen mit der klassischen Kunst bedienen. Aquarellzeichnen unterliegt in seiner natürlichen Handhabung dem Zufall durch das Wasser. In Verbindung mit dem Maler entsteht eine Komposition aus Chaos und Führung. Das Ergebnis kann zu Beginn nicht im Detail vorausgesehen oder geplant werden. Entsprechend lässt sich dieser Umstand auch auf die generative Gestaltung von digitalen Grafiken übertragen. Hier kann das vom Gestalter geführte Werkzeug einem algorithmischen Einfluss unterliegen oder ein Algorithmus kann die Vorlage ähnlich wie ein Filter „überarbeiten“.

Ohne Vorlage geht’s (noch) nicht: Dieses Video (ebenfalls von thedotisblack) zeigt, wie der Algorithmus verschiedene Schwarzweiß-Fotos nachzeichnet.

Für Motion Designer ist das Arbeiten mit Chaos, Zufall, Sounds und generativen Algorithmen das kreative Hauptspektrum. Partikelsysteme, die anhand vordefinierter Volumenkörper unkontrolliert zur laufenden Musik pulsieren. Jedes exportierte Video würde im Detail unterschiede haben, weil bestimmte Elemente immer wieder neu generiert werden. Kontrolle und Chaos also. So lässt sich ungeahntes, kreatives Potential ausschöpfen.

Der chinesische Designer Raven Kwok kreierte eine fast komplett auf Code basierende, generative Animation.

Bewegen wir uns weiter in den dreidimensionalen Raum. Auch hier lassen sich wunderbare Beispiele zu Chaos-Design finden. Denn mit einem 3D-Objekt als Vorlage lassen sich Skulpturen erschaffen, die dank der räumlichen Komponente zusätzliche Blickwinkel eröffnen. Mit der Kombination von 3D-Fotoscans und den richtigen Parametern lassen sich schnell brauchbare Ergebnisse erzielen. Vielleicht ist einigen von euch das tägliche Photoshop-Begrüßungsbild vom polnischen Designer und Illustrator Janusz Jurek noch gut in Erinnerung. Seine Arbeit besticht durch den Einfluss generativer 3D-Modelle, die er gekonnt weiterverarbeitet.

Dieses Video von Kouhei Nakama ergründet mit generativem Design den Zyklus von Leben und Tod. Auch für Leute, die mit Pathos nichts anfangen können, schön anzuschauen.

Weg mit der Glasscheibe: Chaos zum Anfassen

Bisher hat uns der Algorithmus geholfen, Inhalte zu generieren, die keinen Einfluss durch den Betrachter zulassen. Aber natürlich lässt sich Generatives Design auch interaktiv gestalten. Der Gestaltungsprozess geht an diesem Punkt über die Nutzung als reines Produktionswerkzeug hinaus. So können über Sensoren oder Kameras die Betrachter selbst noch Einfluss ausüben und dem Werk eine weitere Chaos-Ebene hinzufügen.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Website http://changegout.com/. Visuell ansprechend aber auch inhaltlich wirkungsvoll erlaubt sie es dem Nutzer, das Gezeigte auf seiner User Journey dynamisch zu verändern.

Chaos im Kopf, Ordnung im Blog

Fassen wir zusammen:

/ Generatives Design funktioniert komplementär zum Menschen.

/ Generatives Design hilft bei der Umsetzung/Ausgestaltung von Ideen in bisher unleistbarer Vielfalt.

/ Generatives Design hat (noch) keine eigenen Ideen, kann uns aber Inspiration dafür liefern.

/ Generatives Design ist mehr als ein Spielzeug für Künstler, es kann zielgenau Bedürfnisse von Unternehmen erfüllen.

Generatives Design, in all seinen Facetten, ermöglicht neue Wege der gestalterischen Auseinandersetzung mit den Anforderungen für die Zukunft. Algorithmen, die unsere bisherige Denkweise in reines Chaos versetzten, dienen uns als Einstieg für neue Herangehensweisen. Wagen wir den Schritt in die Überforderung, um mit Anlauf eine Ebene höher zu springen.

Go deeper! Ressourcen zum Vertiefen

Wer jetzt am liebsten selbst loslegen möchte, für den oder die habe ich eine kleine Ressourcensammlung mit Software, Tutorials, Tools und vielem mehr, die euch den Kopf waschen, föhnen und kämmen wird.

/ Ein wunderbarer Lehrermeister ist Joshua Davis bei Skillshare. Seine Ergebnisse sind auf hohem Niveau und machen Lust gleich loszulegen:

https://www.skillshare.com/classes/Programming-Graphics-I-Introduction-to-Generative-Art/782118657

/ Weitere Skillshare-Tutorials:

https://www.skillshare.com/classes/Programming-Graphics-II-Generative-Art-Animation/388564917?via=similar-classes

https://www.skillshare.com/classes/Programming-Graphics-III-Painting-with-Sound/738981508?via=similar-classes

/ Mit der Software Houdini von SideFx lassen sich sehr schnell mit einfachen Parametern algorithmische Veränderungen vornehmen, die ein wunderbares, kreatives Chaos verursachen:

Houdini in Aktion: https://vimeo.com/entagma

/ Processing ist eine Programmiersprache, die sehr stark auf visuelle Gestaltung ausgelegt ist und deshalb im Generativen Design auch oft Anwendung findet. Hier gibt es einen kleinen Einstieg: https://vimeo.com/140600280

/ Tools:

http://www.drawbot.com/

https://openframeworks.cc/

https://libcinder.org/

https://threejs.org/

http://basiljs.ch/

Beitragsgrafik von Evie Shaffer.

Der Autor

Mark Keil Mark Keil
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