Und dann kam Vero.

Ein Beitrag von Marie Birkemeyer.

Sie schlug ein wie eine Bombe, ist aktuell in aller Munde und gilt als die angesagteste, neue Social-Media-App: Vero.
True Social – so der Werbespruch. Das Versprechen: eine Plattform ohne Social-Ads im Facebook- und Instagram-Sinne und kein Algorithmus, der Inhalte vorgibt. Aber was verbirgt sich wirklich hinter der App, der sich dieser Tage eine Masse an Menschen zuwendet, wodurch die Server mit schweren Überlastungen kämpfen?

Das ist Vero

#Keine Werbung, keine Algorithmen, kein Datensammeln
#USA: innerhalb vier Tage von Platz 556 auf Rang 1
#Deutschland: zweiter Platz der kostenlosen Apps
#Auf Instagram mehr als 500.000 Beiträge mit Hashtag #Vero

Was viele nicht wissen: Vero stand bereits Ende 2015 in den Startlöchern, doch damals gelang ihr kein Durchbruch. Hinter der App steht Ayman Hariri, milliardenschwerer Geschäftsmann aus dem Libanon und Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri. Er entwickelte die App mit der Motivation eines besseren Umgangs mit der Privatsphäre von Nutzern. In den USA lag Vero damals kurzzeitig auf Platz 45 der Gratis-Downloads, verschwand dann aber schnell wieder von der Bildfläche. Im Februar 2018 hebt sie dann plötzlich ab.
Auf den ersten Blick erinnert Vero stark an ihren wohl größten Konkurrenten Instagram. Die neue Social-Media-App will nur den Content anzeigen, welchen der Nutzer tatsächlich sehen möchte und das in chronologischer, unverfälschter Reihenfolge – so wie Facebook und Instagram vor vielen Jahren begonnen haben. Aktuell ist die App kostenlos, soll mit steigender Bekanntheit und wachsender Community jedoch im Laufe der Zeit kostenpflichtig werden.

Das kann Vero (besser)

Neben den altbekannten Funktionen wie der Bildbearbeitung oder die Suche nach Hashtags, Profilen und Personen, die wir bereits von Instagram kennen, bietet die neue App einen annehmlichen Mehrwert.
Bislang wurden die geteilten Inhalte auf Bilder und Videos/GIFs beschränkt. Vero beinhaltet nun die Möglichkeit, multimedialen Content auf einer Plattform zu veröffentlichen. So werden zusätzlich auch Musik, Filme, Bücher, Orte und Links geteilt. Besonders letzteres dient als ausschlaggebender Aspekt für werbetreibende Unternehmen und Personen (Influencer). Nach langem Warten ist es nun möglich, Links gezielt zu teilen, sodass sie im Feed als Beitrag angezeigt und lediglich per Klick weiterfolgt werden können. Nicht nur die automatische Link-Generierung beim Teilen, sondern auch das einfache Integrieren von Links in der Biografie ist ab sofort möglich. Wenn eine URL mit .com versehen und die Mailadresse mit @ ausschrieben wird, legt sich automatisch ein Link dahinter, womit dieser anschließend ganz einfach angeklickt werden kann.

Ein weiterer Effekt, der die Herzen von Influencern wieder höher schlagen lässt ist, dass eine „faire“, nachvollziehbare Ausspielung des Contents stattfindet, womit Postings chronologisch nach Uhrzeit und Veröffentlichungsdatum im Newsfeed angezeigt werden. Unter diesen Voraussetzungen werden alle Makel der Instagram App, die in den letzten Monaten und Jahren für Aufruhr sorgten, ausgeglichen.
Damit ist es aber noch nicht getan, denn auch das Prinzip eines Followers hat sich verbessert. Ab sofort können Accounts nicht nur standardmäßig abonniert, sondern auch in Kategorien eingeordnet werden. Wer also sein Netzwerk noch persönlicher gestalten möchte, hat die Wahl einer Unterteilung zwischen „Bekannte“, „Freunde“ und „Beste Freunde“. Mit jedem einzelnen Posting kann nun bestimmt werden, für welche der Gruppe(n) dieser sichtbar ist.

Das sind Veros Schwächen

Trotz des Versprechens, keine Datenfalle zu sein, wird bei der Registrierung der App eine Mobilfunknummer benötigt – ob das wirklich nur aus Sicherheitsgründen ist, bleibt abzuwarten. Die App weist derzeit enorme Ladezeiten auf, womit die Frage aufkommt, ob sie dem Andrang der Community (schnellstmöglich) gerecht wird. In den AGBs wird außerdem angegeben, dass die Bildrechte nicht dem Unternehmen gehören und somit Bilder ohne Angabe von Quellen bearbeitet und gepostet werden können. Anders als bei Instagram können Benutzernamen doppelt vergeben werden. Ob das zukünftig sinnvoll ist und wie die App gegebenenfalls bei einer Einstellungs-Änderung die Namensvergabe priorisiert, könnte zusätzlich für Aufruhr sorgen.

Rettet Vero das Influencer Marketing vor den neuen Algorithmen?

Facebook und Instagram finanzieren sich rein über Werbung – etwas, das es auf Vero nicht geben soll. Das Netzwerk wird als keine Werbeplattform ausgehängt, zumindest keine klassische. Ein enormer Vorteil für Influencer, denn so bleibt Unternehmen lediglich das Influencer Marketing, um den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen zu fördern. Doch auch wenn Unternehmen das direkte Schalten von Werbung untersagt wird; sie können sich einen Account erstellen und dort ihre Produkte platzieren.
Vero wirbt außerdem damit, kein sogenanntes „Data Mining“ zu betreiben. Die intelligenten Algorithmen hinter dieser mathematischen Methode machen es anderen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder YouTube einfacher, Nutzern gezielte Werbung auszuspielen, indem sie ihre Daten auswerten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bei Vero ausschließlich die Postings von Leuten angezeigt werden, welchen man wirklich folgt. Ein weiterer Grund, weshalb die App als Anreiz zahlreicher Content Creator gilt, vor allem aber für Influencer.

Das sagt CAMAO über den Hype

Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich neue Plattformen ansieht. Nicht primär um Geld zu verdienen oder weil man schnell umsteigen sollte. Ein Hype in der digitalen Welt zeigt auch immer auf, was Nutzern bei den etablierten Plattformen fehlt. Die Community möchte sich keine Vorgaben in Bezug auf gespielte Inhalte geben lassen. Doch wenn Vero sich wirklich durchsetzt, werden die Macher auch hier irgendwann auf das gleiche Problem stoßen: ein Übermaß an Content, der systematisiert werden muss.
Viele weitere Fragen sind noch offen, vor allem zu Finanzierung und Datenschutz.
Doch in Sachen Design und Funktionen, die es ermöglichen, Inhalte einfacher und besser zu streuen, macht die App schon einiges richtig. Auch die Philosophie, seine Nutzer nicht auszuspionieren, bringt durchaus Potenzial mit sich – denn Bedarf an einer fairen Social-Media-App, die nicht von einem der US-Datensammler geführt wird, besteht zweifellos. Die Betreiber von Vero müssen jetzt zeigen, dass sie ihr Statement im Namen der App auch tatsächlich umsetzen. Bislang ist es keinem anderen Unternehmen gelungen, dem großen Facebook-Imperium mit Instagram und WhatsApp wirklich Konkurrenz zu machen. Bleibt abzuwarten, ob Vero den App-Giganten ernsthaft die Stirn bieten kann.

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Die Autorin

Marie Birkemeyer Marie Birkemeyer

Werkstudentin Editorial, Darmstadt

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